Veröffentlicht am: September 19, 2021 Autor: Dirk Wüstenhagen Kommentare: 0
Direktkandidaten im Rheinisch Bergischen Kreis

Wie der Oberbergische Kreis (Wahlkreis 99) ist auch der Rheinisch-Bergische Kreis (100) für die Union unter normalen Umständen eine feste Bank, zumal bei Bundestagswahlen. Aber was ist schon normal bei der anstehenden Bundestagswahl angesichts dessen, dass im Gegensatz zu den drei vorangegangenen Bundestagswahlen die künftige Kanzlerin oder der künftige Kanzler nicht mehr Angela Merkel heißen wird und die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Olaf Scholz den aktuellen Umfragen nahezu aller Meinungsforschungsinstitute zufolge erstmals nach fast 20 Jahren in der Wählergunst vor der Union mit ihrem Kanzlerkandidaten, Bundesvorsitzenden  und NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet rangiert. Ob und inwieweit dieser bundesweite Trend auf die bergischen Wahlkreise, insbesondere dem Wahlkreis 100 – Rheinisch-Bergischer Kreis – durchschlagen wird, oder aber die CDU-Hochburg weiterhin von der Union gehalten werden kann, bleibt abzuwarten und bis zum Wahltag aus regionaler Sicht das wohl größte Spannungsmoment. 

Wie gesagt; unter normalen Umständen darf – wie bei den vorangegangenen Bundestagswahlen auch – fast schon davon ausgegangen werden, dass die CDU Rhein-Berg und ihr Wahlkreiskandidat, Dr. Hermann-Josef Tebrocke, das Rennen um die Erststimmen der Wahlberechtigten im Wahlkreis zu ihren Gunsten entscheiden werden. Hermann-Josef Tebroke, Finanzwissenschaftler und ehemaliger Bürgermeister von Lindlar, benötigt allerdings auch das Obliegen über die Mitbewerber und somit das Direktmandat, will er auch in der kommenden Legislaturperiode dem Bundestag als Mitglied angehören. Der Grund: Mit 41 ist Tebrockes Platz auf der Reserve- bzw. Landesliste der Union wohl zu weit hinten angesiedelt, um über diese noch den Sprung in den künftigen Bundestag zu bewerkstelligen. Ein ruhiger, entspannter Wahlabend steht dem 57-jährigen Diplom-Kaufmann und Ex-Landrat des Rheinisch-Bergischen Kreise  somit  nicht gerade ins Haus, zumal wenn das Ergebnis der Union im Bund so ausfallen wird, wie es die „Wahl-Auguren“ in ihren aktuellsten Umfragen vorhersagen.

Demnach liegt die SPD mit 25 % deutlich vor der CDU, die gerade einmal auf 20,5 % kommt, und den Bündnisgrünen, die bei 15,5% gesehen werden. Für den 57-jährigen Christdemokraten, der 2017 für Wolfgang Bosbach in den Bundestag nachgerückt ist, muss das nichts heißen; der Diplom-Kaufmann darf sich ungeachtet aller Unkenrufe, die der Union und ihrem Kanzlerkandidaten, CDU-Parteivorsitzenden und NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet, seit Wochen aus dem deutschen Medien- und Blätterwald  entgegenhallen, berechtigte Hoffnungen machen, sein Ziel, das Direktmandat und mit diesem den direkten Einzug als Abgeordnete des Rheinisch-Bergischen Kreises in den neuen Bundestag, reeichen und realisieren zu können. Politisch wirbt der Bosbach-Nachfolger mit einem Programm um die Erststimmen der Wähler, in dem Klimawandel bei dem Klima und Wirtschaft, Familien und der Bürokratieabbau im Vordergrund stehen.

Gelassener als sein Mitbewerber von der CDU vermag Kastriot Krasniqi, bei der anstehenden Bundestagswahl der Spitzenkandidat der SPD Rhein-Berg im Rennen um da Direktmandat, dem Wahlabend in gut zwei Wochen entgegensehen. Der Grund: Seinen politisch bisher größten Triumph hat der gebürtige Kosovare, der 1994 mit seinen Eltern vom Kosovo nach Deutschland übergesiedelt ist, bereits eingefahren, hat er sich doch bei der Mitgliederversammlung der SPD Ober-Berg zur Aufstellung des SPD-Wahlkreiskandidaten für den Wahlkreis 100 bei der anstehenden Bundestagwahl gegen vier Mitbewerber aus den eigenen Reihen hat durchsetzen müssen. Mit 28 Jahren ist der Sozialdemokrat, der als Sozialversicherungsfachangestellter bei einer gesetzlichen Krankenversicherung seine sprichwörtlichen Brötchen verdient, der jüngste Direktkandidat im Wahlkreis 100 – Rheinisch Bergischer Kreis. Trotz seiner relativ wenigen Lenze, die er auf dem Buckel hat, hat der SPD-Youngster bereits einige kommunalpolitische Erfahrung  sammeln können. So hat er die SPD von 2014 bis 2020 im Rat der Stadt Bergisch Gladbach vertreten; seit der Kommunalwahl im vergangenen Jahr ist er dort als Sachkundiger Bürger weiter aktiv. Im „Bündnis für Vielfalt und Chancengleichheit in Bergisch Gladbach“ hat er sich zudem für den Integrationsrat aufstellen lassen und ist auf Anhieb zum Vorsitzenden des Gremiums gewählt worden. Im Wahlkampf setzt der Sozialdemokrat verbal auf einen ungewöhnlichen Stil, um die Wählerinnen und Wähler im Wahlkreis von sich zu überzeugen. Mal ironisch und augenzwinkernd, nicht unbedingt immer auf der Parteilinie, aber stets wohlüberlegt und ausgewogen, versteht er im Gespräch mit den Bürgern Akzente zu setzen – als Politiker, der das „Prinzip Offenheit“ pflegt und praktiziert und somit aus dem Muster der politischen Sonntagsreden, wie sie gerade zu Wahlkampfzeiten parteiübergreifend gang und gebe sind, angenehm herausfällt.

Maik Außendorf heißt der Wahlkreiskandidat von Bündnis 90/Die Grünen im Wahlkreis 100 – Rheinisch-Bergischer Kreis. Der 50-jährige Mitbegründer, -inhaber und Geschäftsführer eines Kölner IT-Unternehmens ist kein Unbekannter in der Bergisch Gladbacher Lokalpolitik. Er sitzt für die Bündnisgrünen im Rat der Stadt Bergisch Gladbach und ist zurzeit Ko-Fraktionsvorsitzender. Auch hat er sich bereits mehrfach für ein Mandat im Landtag und Bundestag beworben; was den Bundestag betrifft, ist die jetzige Kandidatur bereits seine Dritte. Und diesmal könnte es getreu dem Motto: „Alle guten Dinge sind Drei!“  sogar klappen; der Grund: Außendorf ist auf der Landes- bzw. Reserveliste der Bündnisgrünen auf Listenplatz 18 abgesichert und der dürfte selbst bei einem weniger guten Ergebnis ziehen, wie es im Politikerjargon heißt. Der Bergisch-Gladbacher uns seine bündnis-grünen Parteifreunde wollen sich jedoch darauf nicht verlassen; sie schicken sich an, zum ersten Mal das Direktmandat im Wahlkreis 100 zu erringen. Das wichtigste Ziel, dass er in Berlin erreichen möchte, sieht Außendorf eigenen Worten zufolge in der, im Klimaabkommen von Paris völkerrechtlich verbindlich vereinbarten Begrenzung der Erder-wärmung auf maximal 1,5° sowie eine sozial gerechte Umsetzung dieses Ziels. Des Weiteren will sich der Bergisch Gladbacher dafür stark machen, dass die Wirtschaft klimaneutraler und nachhaltiger ausgerichtet wird, um zukunftssichere Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern. Auch die Verbesserung des öffentlichen Radfahrverkehrs hat sich der rhein-bergische Bündnisgrüne auf die Fahne geschrieben, um den Verkehr insgesamt flüssiger und somit klimafreundlicher zu gestalten und die Aufenthaltsqualität in den Städten merklich zu optimieren. Für seinen Wahlkreis möchte der bündnis-grüne Unternehmer in Berlin eine bessere Förderung des Ausbaus des Radfahrverkehrs und des öffentlichen  Nahverkehrs erreichen und für die Kommunen um mehr Möglichkeiten streiten, Tempo-30-Zonen sowie Fahrradstraßen auszuweisen. Für den Ausbau der erneuerbaren Energien verlangt er eine Vereinfachung zum Beispiel durch Solaranlagen auf Mehrfamilienhäusern. Um ein schnelles Internet für jedes Haus und jede Schule realisieren zu können, fordert Außendorf zudem eine Anpassung der Förderrichtlinien sowie für die Stärkung der regionalen Versorgung die Förderung kleiner und mittelständischer Unternehmen und landwirtschaftlicher Betriebe. 

Für die FDP kandidiert im Rheinisch-Bergischen Kreis kein Geringer als Christian Lindner. Der Vorsitzende der Bundespartei der Liberalen und Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion kennt den Wahlkreis wie seine Westentasche, ja mehr noch: Der Wahlkampf ist für ihn wie ein Heimspiel, ist er doch in Wermelskirchen geboren und aufgewachsen. Lindner wirbt für die Einhaltung der Schuldenbremse, keine Steuererhöhungen und einen Klimaschutz ohne Verbote. Das liberale Wahlprogramm trägt deutliche neo-liberale Züge. Zudem gilt es für den Liberalen-Chef eine schwarz-grüne Regierungskoalition ebenso zu verhindern wie ein drohendes Bündnis von SPD, Grüne und Linken. Lindner selbst sieht seine Rolle in einer künftigen Bundesregierung mit Beteiligung der FDP als Bundesfinanzminister; und er macht keinen Hehl daraus, dass ihm eine Koalition mit einem Kanzler Armin Laschet und der CDU/CSU am liebsten wäre.

Polizeihauptkommissar Uwe Wirges haben die Freien Wähler im Rheinisch-Bergischen Kreis ins Rennen um das Direktmandat geschickt. Der 59-jährige ist kein Unbekannter in der Kreisstadt und im Kreis, durch seinen Beruf kennt er die kleinen und großen Sorgen der im Kreisgebiet lebenden Bürger. Wirges war und ist öffentliches, ehrenamtliches Engagement stets wichtig gewesen; von 2005 bis 2012 ist der  Polizeihauptkommissar Vorsitzender des Fußballvereins Jan Wellem gewesen und im Jahre 2011 stolzer Prinz des Bergisch Gladbacher Dreigestirn. Politisch vertritt der 59-jährige die Freien Wähler als Sachkundiger Bürger in den Ratsausschüssen für Bildung, Kultur und Sport sowie Anliegen und Beschwerden. Berlin – das wird nicht einfach, weiß Wirges; dennoch ist er optimistisch, dass seine Partei, die er als die politische Kraft der Mitte in Deutschland bezeichnet, die Fünf-Prozent-Hürde knackt und in den neuen Bundestag einzieht. Für den Fall seiner Wahl möchte der Polizeibeamte besonders im Bereich Jugend und Sozialarbeit aktiv werden und sich für die Bürgerinnen und Bürger seines Wahlkreises einsetzen. 

Den Krieg als Mittel der Politik ächten – so lautet das politische Credo von Isabelle Casel. Die Bergisch Gladbacherin ist von ihrem rheinisch-bergischen Kreisverband der Partei „Die Linke“ einstimmig zur Wahlkreiskandidatin für die kommende Bundestagwahl nominiert worden. Casel ist seit ihrer Studienzeit in der Friedensbewegung aktiv; zudem ist von ihr die LAG Frieden und Internationales NRW mitbegründet worden. Sie war Mitglied der Kommission zur Beratung des Parteivorstands DIE LINKE. in Europafragen 2007-2009 und hat sich bei der Europawahl 2009  für die Linke um ein Mandat im Europaparlament beworben. Von 2007 bis 2009 ist sie darüber hinaus Sprecherin des Kreisverbandes der Linken Bonn gewesen. Aktuell ist sie Mitglied im Sprecherinnenkreis der BAG Frieden und Internationale Politik Die Linke sowie des DFG-VK Köln der Linken. In den letzten Jahren hat sie darüber hinaus mit dazu beigetragen, Friedensbewegung und Klima-Bewegung aktiv zu vernetzen. Seit drei Jahren lebt sie mit ihrem Mann im Bergischen, um genau zu sein, in Herkenrath, wo sie im Begriff ist, einen Natur-Kulturhof aufzubauen. Für die anstehende Bundestagswahl ist sie optimistisch, nicht nur, was ihr Ergebnis im Wahlkreis anbelangt, sondern auch mit Blick auf das bundesweite Resultat ihrer Partei. Eventuell reicht es ja sogar zur Regierungsbeteiligung in einer rot-rot-grünen Koalition. 

Harald Weye vom AfD-Kreisverband Rhein-Berg ist bei der Bundestagswahl vor vier Jahren noch ein Überraschungskandidat gewesen, der dank guter Absicherung auf der Landesliste der umstrittenen Partei den Einzug in den Bundestag geschafft. Der ehemalige Hochschulprofessor hat in der zurückliegenden Legislaturperiode durch eine Reihe von Debattenbeiträge und Vorträge viel von sich reden gemacht; ungeachtet seiner Popularität ist es ihm allerdings genauso wenig gelungen, die Landesliste der AfD mit seinem Namen auf Platz 1 anzuführen, wie seine Fraktion es trotz mehrfacher Anläufe nicht geschafft hat, einen ihrer Kandidaten als Bundestagsvizepräsidenten durchzusetzen. Dennoch haben ihn seine rheinisch-bergischen Parteifreunde erneut als Direktkandidaten nominiert, als es darum gegangen ist, die personellen Wichen für die anstehende Bundestagswahl zu stellen. Und wie vor vier Jahren, darf sich Weye über einen sicheren, aussichtsreichen Platz auf der Landesliste freuen, so dass er wohl auch dem künftigen Bundestag als Abgeordneter angehören wird. Politisch plädiert der AfD-Mann für die klare (Re-)Normalisierung der Wirtschaft und Kultur sowie der Gesundheitspolitik auf Vor-Corona- und Vor-„Merkel“-Niveau. Zudem möchte er einen sinnvollen und „wetterfesten“ Infrastruktur-Um-, -Aus- und gegebenen Rückbau, auch im Rahmen der Umwidmung von Industriebrachen, Wohnbebauung und Verwaltungsgebäuden, erreichen.

Helga Aufmkolk (Pychologin M.A,) für die Partei „die Basis“ und Markus Blümke für die Partei „Volt“ vervollständigen das Tableau der Direktkandidaten im Wahlkreis 100 – Rhein-Bergischer Kreis. 

Bei der Bundestagswahl 2017 hat Dr. Hermann Josef Tebroke (CDU) mit 68.948 Erststimmen (= 40 %) das Direktmandat für sich verbuchen und die Kandidaten von SPD (42.098 Erststimmen= 24,4 %), Bündnis 90/Die Grünen (11.846 Erststimmen = 6,9 %), Die Linke (8.409 Erststimmen =  6,9 %), FDP (27.049 Erststimmen = 15,7 %) sowie AfD (12.476 Erststimmen = 7,2 %) auf die Plätze verweisen können. Bei den Zweistimmen haben die Christdemokraten gegenüber der Bundestagswahl 2013 herbe Stimmenverluste ( -8,1 %) hinnehmen müssen, mit 61.423 Zweitstimmen (= 35,6 %) aber den Spitzenplatz im Wahlkreis trotzdem halten können. Auch die SPD hat stimmenmäßig Federn lassen müssen, mit 36.221 Zweitstimmen (= -5,1 %) hat die „alte Dame“ das Rennen um die Wählergunst auf dem zweiten Platz abschließen können. Die kleinen Parteien haben den Wahlgang mit Stimmenzuwächsen abschließen können. Bündnis 90/Die Grünen haben bei den Erst-und Zweistimmen (11.846 = 6,9%; 15.581 Stimmen = 9,0 %) ihr Resultat von der Bundestagswahl 2013 nahezu auf den Punkt bestätigen können. Die Linke hat mit 8.409 Erststimmen (+ 1,3%) und 11.042 Zweitstimmen (+1,3 %) ihr 2013-er Ergebnis leicht verbessern können. Die AfD hat gegenüber der Bundestagswahl 2013 mit 12.476 Erststimmen und 13.777 Zweitstimmen ihre Stimmenanteile um 4,4 bzw. 3,2 % gesteigert. Hinsichtlich der Stimmenzuwächse hat die FDP mit einem Plus von 14,0 % bei den Erststimmen und 9,7 % bei den Zweitstimmen von allen Parteien das beste Resultat erzielen können.

Der Autor: Dirk Wüstenhagen, Politredakteur, bergisch4you

Kommentar