Veröffentlicht am: August 17, 2021 Autor: Redaktion Kommentare: 0
Philomena Franz bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft

Bergisch Gladbach: Bürgermeister Frank Stein verlieh am Freitag, dem 13. August, die Ehrenbürgerwürde an Philomena Franz im Rahmen einer kleinen Feierstunde mit etwa 30 geladenen Gästen in der Villa Zanders. Eingerahmt wurde die Verleihung durch musikalische Beiträge, gespielt von Lev Godin, Cello, und Dr. Roman Salyutov, Klavier.

Anwesend waren auch Erich und Roswitha Bethe, die beide vor vier Jahren die Ehrenbürgerschaft erhalten hatten. Sie richteten sich in sehr persönlichen Worten an Philomena Franz und erklärten, dass ihre Freundschaft eine glückliche Fügung gewesen sei, obwohl man unterschiedlicher nicht hätte aufwachsen können. Das Leben von Frau Franz und auch deren Umgang mit ihren Erlebnissen während des “Dritten Reichs” seien für sie vorbildhaft und würde auch in die Arbeit ihrer Stiftung einfließen. Roswitha Bethe freute sich mit der Geehrten, die inzwischen ihr zur Freundin wurde, und stellte heraus, dass Bergisch Gladbach nun zwei Ehrenbürgerinnen habe, was nicht selbstverständlich sei. Erich Bethe fügte hinzu, dass er es bis heute nur bei einer einzigen Person, nämlich bei Philomena Franz, erlebt habe, dass rund fünfhundert Schülerinnen und Schüler sehr konzentriert zugehört hätten. Mit dem Satz “Philomena, Du bist ein Phänomen”, schloss das Ehepaar ihr Grußwort.

Bürgermeister Frank Stein ging in seiner Laudatio auf das bewegte Leben von Philomena Franz ein und stellte dabei einzelne besonders bedeutsame Punkte heraus: “Philomena Franz stammt aus einer renommierten Sinti-Musikerfamilie, die schon seit Jahrhunderten in Deutschland lebt. Sie stand schon als kleines Kind im In- und Ausland auf der Bühne, sang und tanzte mit großem Erfolg in der Kapelle ihres Großvaters.” In Philomena Franz sieht Stein eine überzeugte Europäerin, die sinnbildlich für den kulturellen Aufbruch nach dem ersten Weltkrieg steht. “Doch mit der sogenannten Machtergreifung durch den Nationalsozialismus endete dieser Erfolg abrupt für die Künstlerfamilie, denn durch den Einzug der Pässe war Reisen in die europäischen Nachbarländer nicht mehr möglich”, so Frank Stein. “Die Menschen in ihrem Lebensumfeld wussten das, und nicht wenige haben diese offene Diskriminierung – das gehört zur Ehrlichkeit im Umgang der Vergangenheit – gar nicht abgelehnt. Manche waren dagegen, waren aber machtlos und hatten Angst.”

Bis zur Verhaftung 1938 war Philomena Franz zur Zwangsarbeit in einer Rüstungsfirma in Bad Cannstatt verpflichtet. Nach ihrer Festnahme wurde sie nach Auschwitz und anschließend ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Es folgten Fluchtversuche und die schlussendliche Befreiung durch die sowjetische Armee. Anschließend begann das Leben “danach”, ohne zu wissen, wer von der Familie überlebt hatte oder auch was mit ermordeten Familienmitgliedern vor ihrem Tod geschehen war. Stein zitierte aus der Autobiographie und folgerte daraus: “Als gläubige Christin sind Sie überzeugt, dass Gott Sie auch deshalb hat überleben lassen, um den Auftrag zu erfüllen, ihre Erfahrungen als Opfer der NS-Verfolgung weiterzuvermitteln.”

Ansprache Bürgermeister Stein zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Philomena Franz.
Ansprache Bürgermeister Stein zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Philomena Franz – Bild: Stadt Bergisch Gladbach

Nach dem Krieg wurde Philomena Franz die erste Sinti-Schriftstellerin Deutschlands und veröffentlicht seit mehreren Jahrzehnten Bücher über das Leben der Sinti. Mit ihren Schriften trug sie dazu bei, die Erinnerungskultur in Deutschland neu zu definieren, indem sie den Fokus auch auf die Schicksale der Sinti und Roma lenkte. Denn erst 1982 wurden diese Verbrechen an den Bevölkerungsgruppen der Sintize, Sinti, Romnia und Roma von der Bundesrepublik anerkannt. Philomena Franz setzte in ihren Publikationen und öffentlichen Auftritten indes niemals auf Konfrontation, sondern stets auf Verständnis füreinander, wie auch ihr bekanntestes Zitat ausdrückt:

“Wenn wir hassen, verlieren wir. Wenn wir lieben, werden wir reich.”

Philomena Franz

In seiner Ansprache drückte der Bürgermeister seine Überzeugung aus, dass diese Botschaft nichts von ihrer Aktualität eingebüßt habe: “Die Bereitschaft zur Versöhnung ist zentral. Immer wieder ermutigt Frau Franz, Fremdes kennen und verstehen zu lernen. Sie kämpft für die Verständigung zwischen den Menschen – seien es Sinti, Roma, Juden, Deutsche, egal welcher Herkunft – und vermittelt in vielfältiger Weise, dass Toleranz aus dem Herzen wachsen muss.”

Zum Schluss seiner Laudatio ging der Bürgermeister auch auf die neusten Projekte ein und schloss seine Rede mit den Worten: “Auch mit nunmehr 99 Jahren kämpfen Sie unermüdlich für Versöhnung und interkulturelles Miteinander. Sie zählen zu den herausragenden Persönlichkeiten unserer Zeit und haben eine Strahlkraft weit über Bergisch Gladbach hinaus. Wir Bergisch Gladbacher sind dankbar und stolz, dass eine solche Persönlichkeit Bürgerin dieser Stadt ist. Sie tragen zweifelsohne zum Ansehen der Stadt Bergisch Gladbach bei.”

Als sichtbare Zeichen ihrer Ehrenbürgerschaft händigte der Bürgermeister eine Urkunde und die Ehrennadel für Ehrenbürgerinnen und Ehrenbürger an Philomena Franz aus. Die Zeremonie fand ihren Abschluss mit dem Eintrag der neuen Ehrenbürgerin in das Goldene Buch der Stadt.

Inhalt: Stadt Bergisch Gladbach, Presseabteilung
Titelbild: Ehrenbürgerschaft Philomena Franz 

Kommentar